
IHK-Vizepräsident Christian F. Kocherscheidt (l.), IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Thilo Pahl (M.) und IHK-Referatsleiter Stephan Häger präsentierten die Ergebnisse der aktuellen Konjunkturumfrage. Foto: IHK
Iran Konflikt stoppt Wachstumshoffnung
Ergebnisse der aktuellen IHK‑Konjunkturumfrage
(EB). „Der eskalierte Iran‑Konflikt und die damit sprunghaft gestiegenen Energiepreise haben den zu Jahresbeginn erkennbaren Hoffnungsschimmer auf Wachstum zunichtegemacht. Gleichwohl stehen die Unternehmen in unserer Region aktuell noch auf einem erfreulich robusten Fundament. Dieses gerät jedoch mit jeder weiteren Krisensituation zunehmend unter Druck“, kommentiert IHK‑Vizepräsident Christian F. Kocherscheidt die Ergebnisse der aktuellen Konjunkturumfrage. An der Umfrage beteiligten sich 429 Unternehmen mit mehr als 34.000 Beschäftigten aus Industrie, Bauwirtschaft, Handel und Dienstleistungsgewerbe in den Kreisen Siegen‑Wittgenstein und Olpe.
Aktuelle Lage stabiler – Erwartungen vorsichtiger
Der Konjunkturklimaindex, der sich aus Lagebeurteilung und Geschäftserwartungen zusammensetzt, sinkt im Vergleich zum Jahresbeginn moderat um drei Punkte auf 93 Punkte. Damit bleibt er sowohl unter der Wachstumsschwelle von 100 Punkten als auch unter dem langfristigen Mittelwert der vergangenen 20 Jahre. Die aktuelle Geschäftslage wird von der Mehrheit der Unternehmen (57 %) als befriedigend eingeschätzt. 21 % bewerten ihre Lage als gut, 22 % sprechen von einer schlechten Geschäftslage. Der Lagesaldo hat sich gegenüber dem Jahresbeginn weiter verbessert, liegt mit –1 Punkt aber immer noch im negativen Bereich. Insbesondere Industrie, Groß‑ und Einzelhandel sowie das Dienstleistungsgewerbe melden eine stabilere Lage als zuletzt.
Pessimismus spürbar gestiegen
Deutlich skeptischer fällt hingegen der Blick auf die kommenden Monate aus. Der Erwartungssaldo rutscht auf –12 Punkte. Zwar rechnet die Mehrheit der Unternehmen mit einer gleichbleibenden Entwicklung, der Anteil pessimistisch eingestellter Betriebe ist jedoch spürbar gestiegen. Christian F. Kocherscheidt: „Bei zahlreichen Betrieben ist die Ausgangslage noch robust. Gleichzeitig wächst die Verunsicherung durch geopolitische Risiken und steigende Kosten. Hinzu kommt eine wachsende Frustration. Für viele Betriebe gilt: Der Standort Deutschland ist zu teuer, zu langsam und zu kompliziert. Die zentralen strukturellen Probleme sind weiterhin nicht gelöst. Das trägt maßgeblich zur steigenden Unsicherheit bei und untergräbt das Vertrauen der Unternehmen in den Standort. Unter diesen Voraussetzungen bleibt auch 2026 der dringend benötigte Aufschwung aus.“
Risiken bleiben hoch
Als größte Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung nennen die Unternehmen aktuell die Energie‑ und Rohstoffpreise (83 %) – mit einem nahezu verdoppelten Bedeutungszuwachs gegenüber dem Jahresbeginn. Es folgen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (68 %), die Arbeitskosten (65 %) sowie die Inlandsnachfrage (60 %). Noch deutlich stärker an Bedeutung gewonnen hat die Verfügbarkeit von Rohstoffen und Vorprodukten (43 %), deren Risikobewertung sich seit Jahresbeginn verdreifacht hat.
Wirtschaftlicher Druck erhöht
IHK‑Hauptgeschäftsführer Dr. Thilo Pahl: „Die deutlich gestiegenen Energiepreise erhöhen den wirtschaftlichen Druck auf die Betriebe. Wenn globale Transportwege unter Druck geraten, bleiben nicht nur wichtige Lieferungen aus, auch die Energie‑ und Transportkosten steigen schlagartig. Das schmälert die Erträge und erhöht die Unsicherheit im operativen Geschäft. Kurzfristige Entlastungen können helfen, verpuffen aber schnell als Strohfeuer, wenn notwendige grundlegende strukturelle Reformen ausbleiben. Diese strukturellen Reformen sind aber unerlässlich – nicht zuletzt, weil sich geopolitische Spannungen nicht kurzfristig auflösen werden.“
Investitionen und Beschäftigung verhalten
Die Investitionsneigung bleibt gedämpft: 34 % der Unternehmen planen geringere Investitionen, lediglich 11 % wollen mehr investieren. Dr. Thilo Pahl: „Die zurückhaltenden Investitionspläne sind kein Zeichen fehlenden Willens, sondern mangelnder Verlässlichkeit. Vielen Unternehmen fehlt aktuell die Basis für langfristige strategische Entscheidungen. Ohne kalkulierbare Kosten und stabile Rahmenbedingungen bleiben wichtige Zukunftsinvestitionen aus – das wirkt sich zwangsläufig auch auf die Beschäftigungsentwicklung aus.“ Auch die Beschäftigungspläne sind zurückhaltend. Während 61 % von einer stabilen Beschäftigtenzahl ausgehen, rechnen 29 % mit einem Rückgang.
Auftragseingänge erholen sich
20 % der Industrieunternehmen berichten von einer guten und 58 % von einer befriedigenden Geschäftslage. Die Tendenz der Auftragseingänge hat sich spürbar verbessert. Bei den Auslandsaufträgen überwiegen wieder die positiven Meldungen. In den vergangenen vier Jahren lag dieser Wert nur einmal höher. Auch die Auslastung der Produktionskapazitäten ist gestiegen. Gleichzeitig fallen die Geschäftserwartungen pessimistischer aus. Zudem haben sich die Exporterwartungen seit Jahresbeginn spürbar eingetrübt. Statt Aufbruchsstimmung überwiegt inzwischen erneut Zurückhaltung. Christian F. Kocherscheidt: „Die Industrie zeigt aktuell, welche Substanz in unserer Region steckt. Eine vergleichsweise solide Auftragslage und eine unter den derzeitigen Rahmenbedingungen ordentliche Auslastung sorgen im Moment für Stabilität. Umso größer sind jedoch die Zukunftssorgen. Viele Industriebetriebe müssen zunehmend auf Sicht fahren, weil das wichtige Exportgeschäft immer schwerer zu kalkulieren ist.“
Baugewerbe: Gute Auslastung, wenig Dynamik
Das Baugewerbe weist weiterhin die beste Lagebewertung aller Wirtschaftszweige auf. Viele Unternehmen berichten von einer guten Auslastung, die jedoch überwiegend aus vorhandenen Aufträgen getragen wird. Gleichzeitig fällt der Blick auf die kommenden Monate skeptischer aus. Stephan Häger, Leiter des Referats Konjunktur, Arbeitsmarkt und Statistik der IHK Siegen: „Die aktuelle Auslastung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es an neuen Impulsen fehlt. Folgeaufträge werden zurückhaltender vergeben, neue Projekte seltener angestoßen. Hohe Kosten und unsichere Rahmenbedingungen belasten die Planbarkeit.“
Kaufzurückhaltung im Handel
Im Groß‑ und Einzelhandel hat sich die aktuelle Situation gegenüber dem Jahresbeginn stabilisiert, sie bleibt aber angespannt. Der Einzelhandel leidet nach wie vor unter einer ausgeprägten Kaufzurückhaltung der Verbraucher und wachsendem Margendruck. Viele Kunden verschieben größere Anschaffungen, sodass der Ausblick auf die kommenden Monate eingetrübt bleibt. Im Großhandel wirkt sich vor allem die schwache Investitionsbereitschaft belastend aus. Stephan Häger: „Zahlreiche Unternehmen berichten von fehlenden Großaufträgen und verschobenen Projekten. Die Geschäftserwartungen sind äußerst pessimistisch – nahezu jeder zweite Großhändler rechnet mit schlechteren Geschäften. Als Bindeglied zwischen Industrie, Bau und Handel ist das ein klares Warnsignal für die weitere konjunkturelle Entwicklung.“
Dienstleistungsgewerbe uneinheitlich
Im Dienstleistungsgewerbe zeigt sich insgesamt weiterhin ein uneinheitliches Bild. Zahlreiche unternehmensnahe Dienstleistungen berichten noch von einer stabilen Auftragslage, gleichzeitig nehmen Zurückhaltung und Preisdruck jedoch zu. Besonders das Verkehrsgewerbe leidet erheblich unter den gestiegenen Kraftstoff‑ und Energiekosten. Die Geschäftserwartungen im Dienstleistungssektor haben sich insgesamt nur leicht eingetrübt. Im Gastgewerbe ist die Lage dagegen deutlich angespannter. Hohe Kosten, Fachkräftemangel und eine ausgeprägte Konsumzurückhaltung prägen die Situation.

