{"id":23636,"date":"2025-12-28T12:48:20","date_gmt":"2025-12-28T10:48:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mk-journal.de\/?p=23636"},"modified":"2025-12-28T12:48:42","modified_gmt":"2025-12-28T10:48:42","slug":"fundgrube-fuer-geschichtsinteressierte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mk-journal.de\/index.php\/2025\/12\/28\/fundgrube-fuer-geschichtsinteressierte\/","title":{"rendered":"Fundgrube f\u00fcr Geschichtsinteressierte"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Nachlass eines Kiersper Internisten <\/strong><\/h4>\n<p>(pmk). Mediziner zu Zeiten des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegsjahre:\u00a0 Der Nachlass des Internisten Dr. Hans Wernscheid aus Kierspe (1889 \u2013 1980) im Kreisarchiv in Altena ist f\u00fcr Geschichtsinteressierte eine wahre Fundgrube. Bei der Erfassung der 64 Archivg\u00fcter um die Pers\u00f6nlichkeit des Kiersper Arztes hat Archivarin Katharina Krone spannende Einblicke in ein besonderes Kapitel der Regionalgeschichte gewonnen.<\/p>\n<p><strong>1889 geboren<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Hans Wernscheid wurde am 9. Dezember 1889 im Kiersper Ortsteil Benninghausen geboren. Sein Vater Wilhelm war Butterh\u00e4ndler und seit 1888 mit der sieben Jahre \u00e4lteren Henriette Kl\u00fcppelberg verheiratet. Hans Wernscheid studierte Medizin in Bonn und Heidelberg, machte in Heidelberg seinen Facharzt f\u00fcr Innere Medizin, arbeitete anschlie\u00dfend an der Berliner Universit\u00e4tsklinik und kehrte danach als Internist in seine Heimatstadt Kierspe zur\u00fcck. Da er mit seiner Frau keine leiblichen Kinder bekommen konnte, adoptierten sie den Jungen Erwin Wernscheid.<\/p>\n<p><strong>Altenheim und Entbindungsheim<\/strong><\/p>\n<p>Ein Anwesen in der K\u00f6lner Stra\u00dfe, das die Familie 1938 erwarb, nutzte Dr. Wernscheid zun\u00e4chst als eine Art Altenheim. Kurze Zeit sp\u00e4ter wandelte er das Haus in ein Entbindungsheim um, und half dort fortan Kindern, das Licht der Welt zu erblicken. Aufgrund von Platzproblemen zog Dr. Wernscheid in den 50er Jahren nach Wildenkuhlen und er\u00f6ffnete dort eine Entbindungsklinik mit Praxis, in der er bis in die 70er Jahre t\u00e4tig war.<\/p>\n<p><strong>Viele verschiedene Unterlagen<\/strong><\/p>\n<p>Sein Nachlass umfasst unter anderem berufsbezogene Unterlagen wie Patientenb\u00fccher bzw. \u2010karteien, Schuluntersuchungshefte und Krankenscheine, medizinische Fachzeitschriften, Zeitungsartikel, Werbeanzeigen f\u00fcr medizinischen Bedarf, \u00e4rztliches Untersuchungsmaterial und R\u00f6ntgenbilder.<\/p>\n<p><strong>Karteikarten von Fremd- und Ostarbeitern<\/strong><\/p>\n<p>Insbesondere die Karteikarten von Fremd- und Ostarbeitern sind eine wertvolle Quelle f\u00fcr Geschichtsforschende. W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs lebten in Kierspe rund 500 zur Zwangsarbeit verschleppte oder unter falschen Pr\u00e4missen angeworbene Zivilarbeiter aus Polen und der Sowjetunion. Schuften mussten sie in 16 Kiersper Firmen, ihre Unterkunft war das Ostarbeiterlager Ebenst\u00fcck auf dem Grundst\u00fcck der heutigen Kirche St. Josef. \u00dcber die jeweiligen Firmen waren die \u201eOstarbeiter\u201c bei der AOK angemeldet. Daf\u00fcr mussten sie einen Teil ihres Lohns als Beitrag zahlen und waren im Krankheitsfall oder nach Arbeitsunf\u00e4llen versichert.<\/p>\n<p><strong>Zwangsarbeiter behandelt<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDie aus der Praxis Dr. Wernscheid \u00fcberlieferten Krankenunterlagen belegen, wie Zwangsarbeitende zwischen 1939 und 1945 medizinisch behandelt wurden\u201c, konstatiert Katharina Krone. \u201eDie Geschichtswissenschaft geht davon aus, dass ihre Versorgung weit hinter den Leistungen f\u00fcr Deutsche zur\u00fcckblieb. Medizinhistoriker und -historikerinnen k\u00f6nnten anhand der Karteikarten feststellen, ob diese These auch f\u00fcr die Praxis Dr. Wernscheid zutraf.\u201c<\/p>\n<p><strong>NS-Propaganda<\/strong><\/p>\n<p>Neben medizinischen Fachzeitschriften finden sich in dem Nachlass auch zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften sowie Druckschriften mit NS-Propaganda. F\u00fcr eine genaue politische Einordnung Wernscheids fehlen im Kreisarchiv aussagekr\u00e4ftige pers\u00f6nliche Unterlagen, doch muss der Arzt zumindest als Bef\u00fcrworter der Eugenik und der Rassenlehre der NSDAP angesehen werden. \u201eIn seinen \u00e4rztlichen Zeugnissen von Schuluntersuchungen hat Wernscheid Details zur Krankengeschichte und zur Erbgesundheit der jeweiligen Familie vermerkt\u201c, hat Krone herausgefunden. \u201eDiese Angaben notierte er freiwillig auf den Gesundheitsscheinen, ohne dass es hierf\u00fcr ein Formular oder ein daf\u00fcr vorgesehenes Feld gab.\u201c Welche Motive Dr. Wernscheid zu Bemerkungen veranlassten, die verh\u00e4ngnisvolle, ja sogar t\u00f6dliche Folgen f\u00fcr Schulkinder und ihre Familien haben konnten, kann heute nur vermutet werden.<\/p>\n<p><strong>Fr\u00fcher Einsatz von R\u00f6ntgentechnik<\/strong><\/p>\n<p>R\u00f6ntgenbilder aus den Jahren 1921 bis 1958 dokumentieren, welche Krankheiten und Krankheitsbilder damals in Kierspe verbreitet waren. Dr. Wernscheid setzte bereits in den 1930er Jahre in seiner Praxis R\u00f6ntgentechnik ein \u2013 damals eine Seltenheit, von der viele Patienten profierten. Die vielen R\u00f6ntgenbilder der Lunge belegen, dass die Menschen damals h\u00e4ufig mit Atemproblemen zu Dr. Wernscheid kamen. Lungentuberkulose war jahrzehntelang die h\u00e4ufigste Einzelerkrankung mit Todesfolge in Deutschland.<\/p>\n<p><strong>Zahlreiche Instrumente<\/strong><\/p>\n<p>Neben den \u00fcberwiegend schriftlichen Unterlagen enth\u00e4lt der Nachlass auch einige Kuriosit\u00e4ten aus dem \u00e4rztlichen Alltag. Operations- und Zahnbestecke, HNO\u2010Instrumente, Ampullenk\u00e4stchen und gyn\u00e4kologische Instrumente sind nur einige der Dinge, die ein Arzt und Internist in den 1930er Jahren griffbereit haben musste. Sie veranschaulichen, dass \u00c4rzte damals medizinisch breit aufgestellt waren, um Krankheiten aller Art behandeln zu k\u00f6nnen. Neben ihrem Wirken als Allgemeinmediziner waren sie auch als Fach\u00e4rzte t\u00e4tig. F\u00fcr Kierspe war dies lange Zeit Dr. Hans Wernscheid, der seinem Beruf bis ins hohe Alter nachging. Am 13. Juni 1980 verstarb Dr. Hans Wernscheid im Alter von 90 Jahren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachlass eines Kiersper Internisten (pmk). 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