
Kreisdirektor Philipp Scharfenbaum überreicht Landrat Theo Melcher die Ehrenurkunde zum Dienstjubiläum. Foto: Kreis Olpe
„Meine ersten Worte zu meinem Chef: ,Ich kündige!‘“
Landrat Theo Melcher feiert Dienstjubiläum: 40 Jahre im öffentlichen Dienst
(PKO). Zum zweiten Mal ist er Landrat – doch zur Kreisverwaltung Olpe gehört Theo Melcher schon viel länger. 40 Jahre im öffentlichen Dienst liegen hinter ihm. Das Jubiläum ist eine Gelegenheit, in Vergangenheit und Zukunft zu blicken: Ein Gespräch über seinen holprigen Start beim Kreis Olpe, die digitale Verwaltung von morgen und seine Ziele bis zum Ende seiner Amtszeit 2030.
Können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag beim Kreis Olpe erinnern?
Theo Melcher: Oh ja. Es war der 18. Juni 1990. Niemand wusste anscheinend, dass ich kommen würde – zumindest war nichts vorbereitet. Schließlich führte mich auf Bitte der Sekretärin des damaligen Oberkreisdirektors jemand in einen Raum im Untergeschoss und sagte: „Das soll wohl Ihr Büro sein.“ Der Raum war aber völlig leer: kein Schreibtisch, kein Stuhl. Die Einrichtung habe ich mit netten Kolleginnen und Kollegen in den Nachbarbüros zusammengesucht. Der Onboarding-Prozess, wie man heute sagen würde, war unterirdisch.
Was hat Ihnen nach diesem Start das Gefühl vermittelt, beim Kreis Olpe angekommen zu sein?
Einerseits die Kolleginnen und Kollegen. Das Menschliche hat beim Kreis Olpe schon damals gestimmt. Der Wendepunkt kam, als der damalige Oberkreisdirektor aus dem Urlaub zurückkam, mich einbestellte und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich erwiderte: „Ich kündige. Meine Aufgaben hier werden meinem Anspruch und meiner Ausbildung nicht gerecht.“ Er sagte nur: „Das haben wir gleich.“ Ab diesem Moment wurde es anders – und das war gut so!
Was waren denn Ihre Ansprüche und Ziele damals?
Nach einem vielseitigen Referendariat mit Einblicken in Justiz, Anwaltschaft und Verwaltung wollte ich mich mit Verwaltungsrecht beschäftigen. Die Jobaussichten waren Anfang 1990 schwierig und ich war junger Familienvater und suchte ein sicheres Einkommen. Diese Sicherheit bot der öffentliche Dienst.
Konnten Sie diese Ziele aus heutiger Sicht umsetzen?
Ja und nein. Im öffentlichen Dienst bin ich noch. Doch das Juristische trat in den Hintergrund, als ich ein Jahr später Leiter des Umweltamts wurde. Ein eher technisches Amt mit vielen Mitarbeitenden, in dem große Herausforderungen warteten: Im Grunde die Sicherung und damals komplette Umstrukturierung der Abfallentsorgung im Kreis Olpe. Das Managen komplexer Vorgänge und das Führen von Menschen, das steht seither im Vordergrund.
Was ist aus Ihrer Sicht die größte Veränderung seit 1990 in der Kreisverwaltung Olpe?
Die Technik und das Tempo. Das muss auch so sein, sonst wäre die Vielzahl der Aufgaben nicht mehr zu bewältigen. Damals gab es keinen PC. Man diktierte Schriftstücke für ein zentrales Schreibbüro, bekam einen Entwurf zurück, redigierte ihn handschriftlich… Bis ein Schreiben rausging, konnten Tage und Wochen vergehen. Als ich den ersten PC auf den Tisch bekam, wusste ich nicht, was ich damit anfangen sollte. Doch schon nach wenigen Tagen konnte ich mir die Arbeit ohne Computer nicht mehr vorstellen.
Welche Aufgaben hat denn heute eine Kreisverwaltung, die sie damals nicht hatte?
Zunächst einmal sind neue Aufgaben hinzugekommen, zum Beispiel die Eingliederung der staatlichen Umweltämter und der staatlichen Versorgungsverwaltung. Doch sind vor allem die Aufgaben gewachsen. Am stärksten im Bereich der Sozialleistungen und der Jugendhilfe. Ein Beispiel aus dem Rettungsdienst, der auch zu unseren Aufgaben gehört, macht es deutlich: Anfang der 90er Jahre hatten wir vier Rettungswagen rund um die Uhr im Einsatz. Heute sind es acht Rettungswagen und drei Notarzteinsatzfahrzeuge, die 24 Stunden jeden Tag mit entsprechendem Personal zur Verfügung gestellt werden müssen. Die Anzahl der Mitarbeitenden in diesem Bereich hat sich mehr als verdoppelt.
Was bedeutet Veränderung für Sie?
Gehört zum Leben. Es gibt eine Kraft in uns, die uns treibt, Dinge voranzubringen und sich nicht mit dem Vorhandenen zufriedenzugeben. Man sollte Veränderung als Chance und nicht als Zumutung begreifen.
Welche Veränderungen in der Kreisverwaltung Olpe wollen Sie bis zum Ende Ihrer Amtszeit 2030 umsetzen?
Für den Kreis Olpe: Auf dem Erfolg unseres Wirtschaftsstandorts baut unser Wohlstand auf. Diese Grundlage müssen wir erhalten, durch gute Kitas, Schulen, unser Berufskolleg, intakte Kreisstraßen sowie Glasfaseranbindungen bis fast zur letzten Milchkanne. Ich will weiter meinen Beitrag leisten, dass diese gute Infrastruktur erhalten bleibt und weiter ausgebaut wird.
Für die Verwaltung: Es geht weiter mit der Modernisierung. Eine Schwierigkeit für digitale Services in Verwaltungen – im Gegensatz zu etwas wie einer Banking-App – ist die Vielfalt unserer Leistungen: Wir haben nicht nur eine Art von Produkt, sondern sehr unterschiedliche, von Rettungsdienst bis Jugendhilfeplanung. Unsere Fachdienste nutzen über 100 Fachverfahren, die wiederum mit Fachverfahren anderer Stellen verbunden sind. Manches, wie die Kfz-Zulassung per i-Kfz, gibt es schon online. Oft ist das aber noch zu kompliziert. Meine Vorstellung ist, dass wir in zwei bis vier Jahren viele Bürgerservices wirklich einfach und komfortabel auf dem Smartphone anbieten können. Ohne Mails, ohne Termin, ohne umständliche Registrierung. Das ist mein Wunsch. Mal sehen, ob der Rechtsrahmen das dann auch hergibt.
Drei persönliche Fragen
Wie würden Sie den Job als Landrat in drei Worten beschreiben?
Vielseitig, spannend, verantwortungsvoll.
Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?
Habe ich nie drüber nachgedacht. Es sind wohl nur wenige Wochen mit 40 Stunden und, Gott sei Dank, auch nur wenige mit mehr als 60 Stunden. Alle anderen Wochen bewegen sich dazwischen. Man muss als Landrat wissen, dass einem das Wochenende nicht allein gehört und auch nicht allein der Familie. Die repräsentativen Aufgaben sind nicht zu unterschätzen, jedoch schön.
Von welchem Buch würden Sie sich wünschen, dass alle Menschen es gelesen hätten?
„Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ von Richard David Precht
Kurzvita Theo Melcher
- Herkunfts- und Wohnort: Finnentrop-Fretter
- Familie: verheiratet, drei Kinder, ein Enkel
- Ausbildung: Volljurist
- Beruflicher Weg: seit 1990 bei der Kreisverwaltung Olpe, zunächst als Justiziar; ab 1991 als Leiter des Umweltamtes. Ab 1997 Kreisdirektor, bei der Kommunalwahl 2020 zum Landrat gewählt; 2025 wiedergewählt. Bei der Berechnung der Dienstjahre im öffentlichen Dienst werden das Referendariat und der Wehrdienst mit eingerechnet.

