
Sechs Wisente aus dem Projekt „Wisente am Rothaarsteig“ haben eine lange Reise hinter sich gebracht: Sie sind zusammen mit anderen Wisenten aus dem Tierpark Berlin in den Shahdag Nationalpark nach Aserbaidschan transportiert worden und gut und gesund in ihrem neuen Lebensraum angekommen. Foto: Kreis Siegen-Wittgenstein
Lösung für das Projekt „Wisente am Rothaarsteig“
WWF und Zoologische Gärten Berlin ermöglichen Auswilderung im Kaukasus
(PSW) In den letzten Tagen haben sechs Wisente aus dem Projekt „Wisente am Rothaarsteig“ eine lange Reise hinter sich gebracht: Sie sind zusammen mit anderen Wisenten aus dem Tierpark Berlin in den Shahdag Nationalpark nach Aserbaidschan transportiert worden und gut und gesund in ihrem neuen Lebensraum angekommen. Die Umsiedlung wurde vom WWF Deutschland und den Zoologischen Gärten Berlin gemeinsam organisiert und fachlich eng begleitet.
Ausreichend Nahrung und Rückzugsräume
„Die Umsiedlung von nordrhein-westfälischen Wisenten wird dazu beitragen, einen überlebensfähigen Wisent-Bestand im Süd-Kaukasus aufzubauen”, erklärt Aurel Heidelberg, Leiter des Wisent-Wiederansiedlungsprojekts vom WWF Deutschland. „Die für eine erfolgreiche Wiederansiedlung notwendigen Voraussetzungen sind im Shahdag Nationalpark gegeben. Insbesondere großflächige, nicht wirtschaftlich genutzte Waldökosysteme bieten ausreichend Nahrung und Rückzugsräume. Neben der ökologischen Eignung sind eine kontinuierliche fachliche Betreuung und ein angepasstes Wildtiermanagement unter Einbeziehung von Behörden, Wissenschaft und lokalen Akteuren einschneidende Schlüsselfaktoren, um dort langfristig eine stabile und gesunde Wisent-Population aufzubauen“.
Nationalpark mit 130.000 Hektar
Der Shahdag Nationalpark, mit einer Fläche von über 130.000 Hektar eines der größten Schutzgebiete im Kaukasus, bietet den Wisenten ideale Bedingungen: weitläufige, naturnahe Bergmischwälder, ausreichend Nahrung und Rückzugsräume. Da das Gebiet nur dünn besiedelt ist, besteht ein geringes Mensch-Wisent Konfliktpotential. Die Betreuung und das Monitoring der Wildrinder wird durch geschulte Wildhüter und mit Einsatz von GPS-Technik und Kamerafallen sichergestellt.
Lösung nach jahrelangem Rechtsstreit
Nach einem jahrelangen Rechtsstreit um die Wisente im Rothaargebirge ist damit eine zukunftsweisende Lösung für einen Großteil dieser Herde gefunden: Neben den bereits jetzt in den Shahdag Nationalpark umgesiedelten Tieren sollen noch weitere Wisente aus dem Projekt „Wisente am Rothaarsteig“ bis 2027 im Rahmen des international etablierten Artenschutzprogramms im Kaukasus ausgewildert werden.
Rückblick
Was 2013 als Pilotprojekt begann – die erste Auswilderung von Wisenten in Deutschland – entwickelte sich in den Folgejahren zu einem juristischen Tauziehen. Die Herde im Rothaargebirge in Nordrhein-Westfalen stieß vor allem bei umliegenden Waldbesitzern auf Widerstand, die Schäden durch die Tiere beklagten. Infolge langjähriger Rechtsstreitigkeiten und wachsender Herausforderungen vor Ort war der Trägerverein Wisent-Welt-Wittgenstein e.V. schließlich nicht mehr in der Lage, die langfristigen Voraussetzungen für die Fortführung des Projekts zu gewährleisten. Mit der Insolvenz des Vereins wurde die Zukunft der über 30 Wisente zunehmend ungewiss. Für alle beteiligten Akteure jedoch stand fest: Für die Wisente muss eine langfristige, verantwortungsvolle Lösung gefunden werden – im Sinne des internationalen Artenschutzes, aber auch mit Blick auf den Tierschutz.
Population bereits im Aufbau
WWF Deutschland und der Tierpark Berlin bringen nun ihre umfassende Erfahrung aus internationalen Wiederansiedlungsprojekten ein, um den Tieren eine Zukunft im natürlichen Lebensraum zu ermöglichen. So sollen einige der Wisente aus dem Rothaargebirge im Shahdag Nationalpark in Aserbaidschan ausgewildert werden – einem Schutzgebiet, in dem bereits eine Wisent-Population im Aufbau ist.
Wisent galt als ausgestorben
Der Europäische Wisent galt Anfang des 20. Jahrhunderts in der Wildnis als ausgestorben. Nur durch konsequente Erhaltungszuchtprogramme in Zoologischen Einrichtungen sowie gezielte Wiederansiedlungen in geeigneten Lebensräumen konnte die Art gerettet werden. Heute leben weltweit wieder knapp 10.000 Wisente im natürlichen Lebensraum – unter anderem in Polen, Rumänien, Russland und Aserbaidschan.
Logistische und fachliche Begleitung durch Experten
„Unsere Expertinnen und Experten begleiten die Auswahl und Vorbereitung geeigneter Tiere in Deutschland und stehen dem gesamten Prozess beratend zur Seite – von der Beurteilung der gesundheitlichen Eignung bis hin zur fachlichen Begleitung vor Ort im Kaukasus“, erläutert Katharina Sperling, Teamleitung Artenschutz der Zoologischen Gärten Berlin. Grundlage sind die Erfahrungen aus internationalen Wiederansiedlungsprojekten sowie fundierte veterinär-, tierpflegerische und wildbiologische Expertise. Damit wird gewährleistet, dass die Wisente bestmöglich auf die Rückkehr in ein geeignetes natürliches Habitat vorbereitet sind und das Vorhaben fachlich verantwortungsvoll umgesetzt wird.
Provisorisches Gehege
„Die Wisente im Rothaargebirge werden derzeit in einem provisorischen Gehege ohne langfristige Perspektive gehalten – eine Situation, die auf Dauer nicht tragfähig ist. Gründe dafür sind sowohl die instabile Gruppenstruktur mit mehreren konkurrierenden Jungbullen, als auch ein steigendes Risiko für Infektionskrankheiten. Gleichzeitig eignen sich die Tiere aufgrund ihrer wertvollen genetischen Merkmale sehr gut für eine Wiederansiedlung im Shahdag Nationalpark“, erklärt Prof. Wanda Olech, Präsidentin der Internationalen Gesellschaft der Freunde des Europäischen Wisents und Co-Vorsitzende der IUCN-Bison-Specialist Group. Die Auswahl der Tiere für Wiederansiedlungsprojekte erfolgt unter anderem auf Grundlage genetischer Informationen mit dem Ziel, eine möglichst hohe genetische Variabilität in den entstehenden Populationen sicherzustellen.
Enge Zusammenarbeit
Die beteiligten Organisationen arbeiten dabei eng mit den zuständigen Behörden in Deutschland und Aserbaidschan sowie mit internationalen Artenschutznetzwerken zusammen. Ziel ist es, die für den Artenschutz so wertvollen Tiere in das bestehende Auswilderungsprojekt im Kaukasus zu integrieren – ein wichtiger Beitrag zur langfristigen Erhaltung des Europäischen Wisents.
Verantwortung über Grenzen hinweg
„Artenschutz endet auch nicht mit der Auswilderung“, betonen WWF und Tierpark Berlin gemeinsam. „Erfolgreicher Artenschutz bedeutet, Verantwortung über Grenzen hinweg zu übernehmen und bedrohten Tierarten eine echte Zukunft in der Wildnis zu ermöglichen.“ Als sogenannte Schlüsselart leisten Wisente einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung natürlicher Prozesse in den Ökosystemen: Durch ihre Wanderungen verbreiten sie Pflanzensamen im Fell, ihr Kot fördert die Bodenfruchtbarkeit, und ihr Fressverhalten schafft offene Strukturen, die zahlreichen anderen Arten zugutekommen. „Wisente zerstören keine Lebensräume – sie verändern sie. In unserem Projekt zeigen wir, wie aus jahrelanger Erhaltungszucht aktiver Naturschutz wird – mit Nutzen für ganze Ökosysteme“, ergänzt die Initiative.
Kreistag forderte Verkleinerung der Herde
Die Umsiedlung der Wisente aus dem Rothaargebirge in den Shahdag Nationalpark ermöglicht gleichzeitig die Verkleinerung der ehemals dem Freisetzungsprojekt zuzurechnenden Herde, die u.a. auch in einem vom Kreistag des Kreises Siegen-Wittgenstein beschlossenen Handlungskonzept gefordert worden war. Die zuständigen Stellen im nordrhein-westfälischen Umweltministerium, beim Kreis Siegen-Wittgenstein und bei der Bezirksregierung Arnsberg stehen in engem Austausch und arbeiten gemeinsam daran, eine Lösung für die verbleibenden Wisente des Projekts in Bad Berleburg zu finden, die sowohl dem Tier- als auch dem Artenschutz gerecht wird. Da es weiterhin an einer belastbaren Perspektive für eine Fortführung des Freisetzungsprojektes im Rothaargebirge fehlt, verfolgen alle Beteiligten das gemeinsame Ziel, den Tieren eine verantwortungsvolle Perspektive zu eröffnen.

