
Im Hof von Schloss Hohenlimburg wurde an sieben Abenden das Schauspiel "Terror" von Ferdinand von Schirach aufgeführt. Foto: Heinz-Werner Schroth
Dunkle Wolken über den Schloss-Spielen
Rechtsstreit vor der Zivilkammer des Landgerichtes Hagen
Von Volker Bremshey
„Nach den Schloss-Spielen ist vor den Schloss-Spielen.“ Diesen Leitsatz beherzigen Dario Weberg, seit 2015 Intendant des Hohenlimburger Kulturspektakels in der ehemaligen Höhenburg, sowie der Vorsitzende des Förder- und Trägervereins „Freundeskreis Schloss-Spiele“, Carsten Kunz, seit mehr als einem Jahrzehnt. Denn insbesondere Dario Weberg weiß als verantwortlicher Leiter zu genau, dass er frühzeitig die Verträge mit Schauspielern und musikalischen Künstlern aushandeln und unterschreiben muss, um im Spätsommer des Folgejahres den Kulturfreunden aus der Region ein attraktives Programm bieten zu können.
Insgesamt 72 Spielzeiten
Seit nunmehr 72 Spielzeiten locken die Schloss-Spiele Jahr für Jahr tausende Kulturfreunde ab sechs Jahren den Schlossberg hinauf. Denn der auf mehr als 100 Helferinnen und Helfern bauende Verein hat es sich seit Jahrzehnten zum Ziel gesetzt, bereits Vorschulkinder mit altersgemäßen Aufführungen für die Kultur und gleichzeitig auch für das historische Schloss zu begeistern.
In diesem Jahr waren es mehr als 1.200 Kindergarten-Kinder und Grundschüler, die sich Anfang September zum Start in das neue Schuljahr von der Hagenerin Mona Stöcker und ihrem Ensemble von dem Kindermusical „Tabaluga und das verschenkte Glück“ einfangen ließen. Denn Weberg und Kunz wissen mit ihrem Vorstandsteam zu genau, dass die Kinder von heute die erwachsenen Besucher von morgen sind und diese deshalb schon frühzeitig an die Schloss-Spiele herangeführt werden sollen.
Außergewöhnliches Experiment
Zur 72. Spielzeit (28. August bis 12. September) wagte Intendant Dario Weberg in diesem Jahr ein außergewöhnliches Experiment. Denn im international bekannten Drama „Terror“ von Ferdinand von Schirach durften an sieben Abenden erstmals die Besucherinnen und Besucher als Schöffen Recht sprechen und über das Schicksal von Major Lars Koch entscheiden. Dieser hatte als Pilot eines Kampfjets einen mit 164 Passagieren besetzten von einem Terrorristen entführten Lufthansa-Airbus abgeschossen, um 70.000 Menschen in der ausverkauften Allianz-Arena von München das Leben zu retten. Denn der Terrorrist hatte angedroht, den Airbus in dieses Stadion abstürzen zu lassen. Bei seiner Entscheidung hatte Lars Koch eigenmächtig gehandelt und sich dem Befehl seiner Vorgesetzten widersetzt. Das führte zur Anklage. Bei allen sieben Veranstaltungen stimmten die Schöffen in einem nahezu identischen Verhältnis ab: ein Viertel hielt Lars Koch für schuldig, drei Viertel für unschuldig.
Jazzfrühschoppen und Comedy
Doch es ist nicht nur das große Schauspiel des Schloss-Spiel-Ensembles, das alljährlich die Besucher anlockt. Es sind auch die Musik wie der traditionelle Jazzfrühschoppen oder die Auftritte von national bekannten Comedians wie Jürgen Becker, Fritz Eckenga oder Günna, die stets einen ausverkauften Schlosshof garantieren, der Jahr für Jahr von Technik-Partner Dirk Hering wunderbar illuminiert wird.
Helfer-Team 100 Personen
Abend für Abend werden die Gäste an den Tischen bedient und mit Speisen und Getränken versorgt. Dann sind bis zu 50 Frauen und Männer im Einsatz, um vor dem Beginn der Veranstaltung und in den Pausen die Besucher zu bewirten. In all den Jahren ist das Helfer-Team kontinuierlich auf weit mehr als 100 Personen angewachsen, die freundschaftlich miteinander verbunden sind und alljährlich förmlich darauf brennen, die Schloss-Spiele vom Aufbau bis zum Abbau mitzugestalten. Jeder nach seinen persönlichen Fähigkeiten und seinen Vorlieben. Denn vor jeder Spielzeit muss das benötigte Equipment aus einem Lagerraum in der Hohenlimburger Innenstadt in den Schlosshof und das angrenzende ehemalige Kaltwalzmuseum geschafft und nach der Spielzeit wieder zurücktransportiert werden. Das ist im wahren Wortsinn ein Kraftakt. Trotz aller Begeisterung und kollektiver Euphorie über die alljährlich vom Publikum an die Künstler und an die Helfer und Helferinnen herangetragenen Lobeshymnen gibt es dunkle Wolken, die am Schloss-Spiel-Horizont aufziehen und den Verantwortlichen Sorgenfalten ins Gesicht treiben. Denn die Zukunft ist ungewiss.
Spielzeiten 2027 und 2028 gesichert
Nach einem Rechtsstreit vor der 9. Zivilkammer des Landgerichtes Hagen, den der Freundeskreis im Jahr 2019 gewann, durften die Schloss-Spiele nach zwischenzeitlicher Verbannung in den Schlossgarten im Jahr 2020 wieder in den Schlosshof zurückkehren. Allerdings nur bis zum Februar 2029 befristet. Deshalb sind die beiden kommenden Spielzeiten 2027 und 2028 in der ehemaligen Höhenburg noch garantiert. Doch wo und wann die Spiele ab dem Jahr 2029 stattfinden können und stattfinden werden, ist aktuell noch unklar.
Suche nach einer Lösung
Deshalb kündigte der Vorsitzende Carsten Kunz an, in den kommenden Wochen und Monaten das Gespräch mit dem Hausherrn zu suchen, um gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, die den Interessen beider Seiten gerecht wird. Schließlich gehören Fürst und Fürstin alljährlich zu den treuen Besuchern der Schloss-Spiele, die besonders herzlich willkommen geheißen werden. So auch am 10. September 2026, als sich Fürst Bentheim und Ehefrau Marissa sehr lobend über die exzellente Aufführung des „Terror“-Schauspiels äußerten.
Start im Jahr 1954
Es sollte im Interesse beider Seiten liegen, dass im Sommer 2028 nicht endgültig der Vorhang im Schlosshof fällt und somit ein ganz besonderes Kapitel der Hohenlimburger Geschichte beendet wird. Denn im Frühjahr des Jahres 1954 hatte Hohenlimburgs Stadtdirektor Albert Müller den damaligen Fürsten Adolf von der Schloss-Spiel-Idee überzeugen können, so dass der Hausherr vor mehr als 70 Jahren die Aufführung klassischer Theaterstücke für Erwachsene und Märchen für Kinder genehmigte.
Jährlich 5.000 Besucher
Dass sich aus den ersten Schloss-Spielen ein Dauerbrenner entwickeln würde, der auch 72 Jahre später wie am ersten Veranstaltungsabend die Menschen elektrisiert und zuletzt Jahr für Jahr mehr als 5.000 Besucher mobilisierte, hatten die Hohenlimburger Stadtväter vor mehr als sieben Jahrzehnten nicht in ihren kühnsten Träumen erwartet. Obwohl es ihr Ansinnen war, wie die Neue Hohenlimburger Zeitung damals schrieb, mit der romantischen Verwechslungskomödie „Die Freier“ von Joseph von Eichendorff „den Ruf Hohenlimburgs über die Grenzen der engeren Heimat hinauszutragen und kulturelle Mitte eines Theatersommers unter freiem Himmel zu werden“. Das ist den Gründungsvätern und den nachfolgenden Generationen seither wahrlich Jahr für Jahr gelungen.

